HINTERGRUND

Die Region Brandenburg scheint von Wirtschaftsschwäche, Abwanderung und Zersiedelung geprägt zu sein. Dabei stellt sich manchmal die Frage, wie man unter diesen Vorraussetzungen überhaupt Arbeit finden kann. Dennoch entwickeln gerade Menschen in schwierigen Ausgangssituationen oft eigenwillige und ungewöhnliche Überlebensstrategien, denen man so in wirtschaftlich erschlossenen Gebieten nicht unbedingt begegnen würde. Es finden sich sehr vielfältige und höchst unterschiedliche Lebens- und Arbeitsentwürfe. Sie zeichnen sind durch viel Initiative und Einsatz in »Marke Eigenbau« aus und überraschen oft durch ihren eigenwilligen Charme. Die visuelle Gestaltung ist aus zeitlichen und finanziellen Gründen oft hinten angestellt. Hier setze ich an: Ich möchte diese Leute aufsuchen und befragen. Es geht darum herauszufinden, ob ihre Überlebensstrategien wirken, was ihnen an ihrer Arbeit wichtig ist und was sie dafür in Kauf nehmen. Bezogen auf meine Arbeit möchte ich von ihnen wissen, ob sie mit ihrem visuellen Auftritt zufrieden sind, welche Wirkung sie damit erzielen wollen und ob sie dabei Unterstützung brauchen.  Mein eigenes »Geschäft« ist also dankbares Mittel zum Zweck, um diesen Leuten nahe zu kommen, sie zu dokumentieren und ihre Ideen, Wünsche und Vorstellungen zu kommunizieren. Ich kann ihnen ebenfalls etwas »anbieten« und man begegnet sich auf gleicher Ebene: Ansprüche und ein gewisser Existenzdruck sind ähnlich. Dieses Verständnis eröffnet mir die Möglichkeit, über Arbeits- und Identitätssuche beider Seiten zu erfahren. Ich sehe mich selbst dabei nicht als Lösungs- und Antwortgeber, sondern hinterfrage meine eigene Rolle und Funktion als Grafik-Designer: kann ich überhaupt nützlich sein, wofür werde ich gebraucht und welche Kompromisse bin ich bereit dafür einzugehen. Auf der anderen Seite steht die Frage nach der Wertschätzung von Grafikdesign. Es wird interessant sein zu erfahren, was und wie viel meine Auftraggeber bereit sind zu »bezahlen«.

Basis des ganzen Projektes bildet ein gegenseitiger Austausch. In gemeinsamer Auseinandersetzung wird versucht, bestehende Ideen weiterzuentwickeln
und umzusetzen, ohne sie ihres eigenen Charakters zu berauben. Es geht darum, eigenen Vorstellungen angemessen zu kommunizieren und nach außen verständlich zu machen. Im Gegenzug findet eine Entlohnung statt, deren Maßstab sich an der allgemein anerkannten Größe Geld orientiert, aber ebenso auf einem Tauschhandel basieren kann. Die Höhe liegt im Ermessen des Auftrag-gebers und orientiert sich an meinem eigenen Bedarf.

Der Vorteil meiner »Unternehmung« besteht darin, dass ich in »Nahversorgung« mobil und spontan auf Nachfrage reagieren und die Leute direkt besuchen
kann. Zusätzlich bleibt mir die Freiheit erhalten, auf meinen Fahrten selbst auf die Suche zu gehen und meinen Radius ständig zu erweitern. Damit kann ich einen vielfältigen und weitreichenden Kundenkreis erreichen. Diese Methode ist
in dieser Region kein neuer Ansatz: Ärzte, Pastoren und Bäckereien machen
sich dieses Prinzip zu nutze und tauchen da auf, wo sie gebraucht werden.
Ich schaffe mir damit eine Arbeitsumgebung, die zwar mitunter etwas mühsam und spartanisch, aber auch erfrischend und abwechslungsreich sein kann: ich arbeite in ländlicher Umgebung, bin aber dennoch nicht abgeschnitten.

 

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